Galgo-Traum-Galgo

* Update 09.01.2010

Angsthunde

 

Es gibt Hunde, die aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen verschiedene Ängste entwickelt haben, die man ihnen aber mit viel Geduld, Liebe und ein wenig Konsequenz nehmen kann. Entweder haben sie Ängste vor Umwelteinflüssen, Ängste vor Menschen oder aber auch Verlustängste. Mit den nachfolgenden Zeilen wollen wir Ihnen unsere persönlichen Erfahrungen mit solchen Hunden etwas näher bringen. Patentrezepte gibt es - wie immer im Leben - nicht, aber vielleicht die eine oder andere Anregung.

 

Als wir unsere Ambar kennenlernten, war sie gerade einen Monat in Deutschland und eine sehr ängstliche Maus, die laut Aussage der Pflegemama in der ersten Woche ihres Deutschlandaufenthaltes ausschließlich auf der Kücheneckbank zugebracht hatte. Sie bewegte sich dort nur zum Fressen runter, allerdings auch erst dann, wenn sich niemand im Raum befand. Ein raschelndes Blatt, ein Gelber Sack am Straßenrand, große Männer mit schwerem Schritt, Leute mit Regenschirmen oder Walker-Stöcken in der Hand, kreischende Kinder, vorbeidonnernde LKW`s, all das machte ihr unheimliche Angst und ließ sie teilweise zur Salzsäule erstarren.

Für uns war das kein Problem und so entschieden wir uns, Ambar zu adoptieren Wir sind recht selbstbewußte Leute und so haben wir Ambar von Anfang an eben gerade mit solchen Dingen immer wieder behutsam konfrontiert, ihr gezeigt, daß es völlig normal ist und diese Dinge oder Menschen ihr nichts tun und wir immer in ihrer Nähe sind. Wenn wir einem Passanten mit Regenschirm begegneten, sind wir normal mit Ambar sprechend daran vorbei gegangen ohne sie in ihrer Angst zu bestärken. Unserer Erfahrung nach sollte man in keinem Fall den Hund in einer solchen Situation streicheln, ihn gar in oder auf den Arm nehmen, denn das würde seine Angst nur noch verschlimmern, anstatt sie ihm zu nehmen. Auch ein hoher Tonfall würde den Hund in seiner Annahme bestärken, daß nun etwas ganz Schlimmes passiert.

Wie so oft macht Übung den Meister und nach ca. vier Wochen begann sich Ambars Verhalten langsam zu verändern. Sie blieb auf den Gassigängen nicht mehr bei jedem unbekannten Geräusch stehen, machte um große Männer keinen Riesenbogen mehr und ließ es sogar zu, sich von kleinen Kindern streicheln zu lassen, die sie bis dato doch ehr als giftig deklariert hatte. Auch in der Wohnung taute sie nun völlig auf, ließ ab und an den Clown durchblicken und wirkte auf uns sichtlich zufrieden. Nach einem viertel Jahr bei uns war von der anfänglich so ängstlichen und verschüchterten Hündin nichts mehr zu sehen, ganz im Gegenteil, sie war selbstbewußt aber dabei unheimlich liebenswert, oftmals hatte sie sogar etwas divenhaftes an sich. Sie hat uns sehr viel beigebracht und wir denken auch heute noch oft an sie, denn sie war etwas ganz Besonderes.

 

Durch unsere Ambar lernten wir natürlich auch andere Windhundbesitzer kennen, unter anderem auch ein heute mit uns eng befreundetes Ehepaar, die ein Rudel aus drei Windhunden halten. Eine dieser Hündinnen, Gina, hatte nicht nur Angst vor Umwelteinflüssen sondern auch vor Menschen. Eis essen in einer Fußgängerzone war fast unmöglich und wenn, dann nur an einem abgelegenen Tisch. Anfassen lassen von fremden Menschen wurde nicht geduldet und wäre wohl in einem Fluchtversuch geendet, wenn die Besitzer sie nicht gut gesichert spazieren geführt hätten. Auch hier wurde der Umgang mit anderen Menschen und Umwelteinflüssen konsequent geübt, ohne Gina dabei in ihren Ängsten zu bestärken.

Manche Hunde lernen schnell, andere brauchen dafür länger, aber immer lohnt sich der Einsatz. Bei Gina hat es fast vier Jahre gedauert, um das Vertrauen in fremde, nicht zu ihrem Rudel gehörende Menschen wiederzufinden, aber heute geht sie sogar selbstständig auf ihr unbekannte Leute zu und gibt sich sehr selbstbewußt. Sie ist mittlerweile 13 Jahre alt, fast blind, aber wir hoffen, daß sie noch lange zufrieden und glücklich in ihrem Rudel leben kann.

 

Mit dem Einzug von Sidney tat sich für uns ein bis dato völlig unbekanntes Problem auf. Sowohl Ambar, Pina als auch Fin konnten von Anfang an gut alleine bleiben. Wir wußten nicht viel von Sidney und das, was wir wußten, kam aus dritter Hand. Schon am zweiten Tag stellten wir fest, daß sie nicht alleine bleiben konnte. Wir waren seit ihrem Einzug in tierärztlicher Behandlung und hatten uns von der Tierärztin eine Bachblütenmischung verschreiben lassen, die Sidney die Umstellung erleichtern sollte. Jedoch hatten wir nicht das Gefühl, daß die Bachblüten bei ihr anschlagen.

Also begannen wir gleich mit den allseits bekannten Übungen, die Tür für eine Minute zu schließen und in einen anderen Raum zu gehen. Sie fing an zu weinen und wurde erst wieder leise, wenn die Tür wieder geöffnet wurde. Nachdem wir tagelang geübt hatten, konnten wir zumindest die Tür des Raumes, in dem sie sich gerade befand, schließen, ohne das sie gleich anfing zu singen. Als nächste Übung zog sich einer von uns Schuhe an, nahm den Haustürschlüssel und setzte sich in das Wohnzimmer, um sich nach fünf Minuten der Schuhe und des Schlüssels wieder zu entledigen. Als wir das Gefühl hatten, daß Sidney es akzeptiert, zogen wir Schuhe an, nahmen den Schlüssel und verließen die Wohnung. Es gab Tage, da haben wir mehrmals zwischen zwei bis dreißig Minuten im Treppenhaus oder vor der Haustür zugebracht, ohne das wir auch nur einen Ton von ihr hörten. An anderen Tagen gingen diese Übungen gar nicht und sie weinte von Anfang an bitterlich. Jedoch fing sie nun an, die Räume zu wechseln, wenn sie sich sicher sein konnte, daß wir in der Wohnung waren. Nach ca. vier Wochen konnte man sie ohne Probleme für eine halbe bis dreiviertel Stunde alleine lassen, ohne das sie unsere Nachbarn mit einem Konzert erfreute.

In der Hoffnung, daß wir uns nun auf dem richtigen Weg befanden, machten wir den Fehler und ließen sie für eine Stunde mit Pina alleine in der Wohnung. Das Ergebnis war ein angefressener Phonoschrank und eine fast komplett zerlegte Wohnzimmertür. Wir haben, obwohl wir ziemlich sauer waren, natürlich nicht mit ihr geschimpft. Schließlich konnte sie nichts für ihre Ängste und schimpfen hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Unsere Nerven lagen nun jedoch ziemlich blank, da sich auch noch eine berufliche Veränderung anbahnte und es dafür zwingend erforderlich war, daß Sidney mit Pina alleine bleiben konnte, ohne das unsere Einrichtung oder die Nachbarn darunter leiden.

In unsere Not wandten wir uns an FFF, wo der Eine oder Andere ähnliche oder gar gleiche Erfahrungen gemacht hatte. Wir erhielten viele Tips (die wir auch bitter nötig hatten), denn uns überkam langsam die Angst, daß wir das Problem nicht in den Griff bekommen und Sidney abgeben müßten, was wir natürlich nicht wollten. Sie war ja schon ein kleiner Wanderpokal und noch ein Besitzerwechsel würde ihrer Psyche ganz sicher nicht zuträglich sein. Also die Tips der vielen FFF`ler beherzigt und weitergeübt. Unter Anderem versuchten wir Sidney einen eigens dafür angeschafften Zimmerkennel schmackhaft zu machen, den sie aber nicht als Rückzugsort sondern als Strafe ansah. Also haben wir die Übungen mit dem Zimmerkennel auch schnell wieder verworfen, nachdem Sidney es mehr als einmal unter Aufbringung ihrer gesamten Kräfte geschafft hatte, aus diesem auszubrechen obwohl wir in der Wohnung waren.

In unserer aufkommenden Verzweiflung stellten wir Sidney einem Hundepsychologen- und Trainer vor, ebenso holten wir uns Rat bei einer Bekannten, die selber Bachblüten anmischt und entsprechende Erfahrungen aufweisen kann. Sie stellte uns eine neue Mischung zusammen, denn die von der Tierärztin war für Sidneys Problem denkbar ungeeignet, hatte sie in ihren Verhaltensweisen sogar noch bestärkt. Gleichzeitig gingen wir mit Sidney zur Hundeschule in die Spielstunde der 10 Monate alten Jungspunde, damit sie ein wenig Selbstvertrauen aufbauen konnte. Wir waren natürlich dabei, stellten uns an verschiedenen Ecken des Platzes, so daß sie zunächst in Entscheidungsnot geriet, zu wem sie denn nun gehen sollte. Kam sie zu einem von uns, wurde sie nicht beachtet. Pina nahm an diesen Spielstunden nicht teil, damit Sidney sich auch nicht an ihr orientieren konnte. Schnell fand sie es mehr als langweilig, neben einem von uns zu sitzen und dem bunten Treiben der anderen Hunde zuzusehen. Nach kurzer Zeit freundete sie sich mit einem kleinen, ebenfalls sehr ängstlichen Podenco-Mix an und tobte nun mit diesem wie wild geworden durch die Gegend. Wir waren in dieser und auch den darauffolgenden Spielstunden (Gott sei Dank) abgeschrieben.

Ferner kamen uns gute Freunde zur Hilfe, bei denen wir Sidney mal für zwei oder drei Stunden zwischenparkten, damit sie merkte, daß Mama oder Papa sie immer wieder abholen. Von nun an – ca. 7 Wochen nach Sidneys Einzug - ging es stetig bergauf und wir konnten Sidney zusammen mit Pina auch schon mal zwei oder drei Stunden alleine lassen, ohne das irgendetwas- oder wer einen (Gehör) Schaden nahm.

Heute, acht Monate später, können wir sie ohne Probleme auch mal bis zu sechs Stunden alleine lassen. Sie dekoriert nicht  um, stimmt auch keine Klagegesänge mehr an sondern macht das, was fast alle gut ausgelasteten Hunde während der Abwesenheit von Herrchen und Frauchen tun, nämlich schlafen. Sie hat sich zu einer ausgesprochen selbstbewußten, liebenswerten Galga entwickelt, die alle Mühe wert ist und Pinas und unser Leben sehr bereichert.

Unser Dank gilt den Leuten, die uns in dieser schwierigen Zeit mit Rat, Tat und auch nur durch Zuhören sehr geholfen haben, als da wären Ulrike Feifar, Gabi Daewis, Petra Kumbier, Stefan und Moni, Dieter und Gisela, Sandra, Benita und Thomas, Nanni, Claudia, der Hundeschule Dogcity-Bremen und all die Anderen, die wir jetzt nicht namentlich erwähnt haben.

04. September 2007